Alternatives Ende – Eine Hommage

Noch bevor die alten und runzligen Lippen das hervorbringen, was das Gehirn zuvor sorgsam formuliert hat, entfährt dem Sprecher zunächst ein fahriges Räuspern. Danach reckt sich der gebeugte Körper und nimmt eine für das Alter beachtliche Haltung an. Die zittrige Hand gleitet über den Tisch und drückt fahrig auf die Knöpfe des Rekorders. Noch während er bedächtig die Hand zurückzieht, kommt ein leises, beinahe unsicheres  „Läuft“ über seine Lippen.
Er blickt seinem Gegenüber in die Augen und ein unmerkliches Nicken gibt das Startsignal.
Die vom Leben gekrümmten Finger seines Gegenübers, eines zierlicheren Mannes mit kurzen Haaren und drahtigem Spitzbart, drehen die kleine Kurbel und eine liebliche Melodie erklingt. Selbst für Hörer, die die Tonfolge zum ersten Mal hören, ist sofort klar dass vereinzelt Töne fehlen, oder gelegentlich nicht die korrekte Höhe treffen. Ein Tribut, den das Spielwerk dem Alter zollt.
Der Mann mit den immer noch beachtlich breiten Schultern und dem grauen Vollbart rückt sein Mikrofon zurecht und die sonore Stimme hebt an:
„Dosenf…“ urplötzlich klingt der F-Laut, als hätte er die Fratze des Bösen angenommen. Diese Fratze bricht in höhnendes Gelächter aus, wohl wissend dass sie dafür verantwortlich ist, dass das Gebiss des Sprechers mit einem laut vernehmlichen klacken auf den Tisch fällt.Mit fahriger Hand greift der Mann nach seinen künstlichen Zähnen und platziert sie ein wenig mühsam wieder auf dem Kiefer. Ein Schweißtropfen löst sich von seiner faltigen Haut.
Er erhebt seine Stimme erneut: „Dosen…“ dieses Mal hält er sich geistesgegenwärtig beim Erreichen des teuflischen Lautes zwei Finger vor den Mund, um ein weiteres Fiasko zu vermeiden „…fifffen“. Sein Gegenüber springt ein: „der Podcast – Aus dem Zwischen-den-Speisesälen-Studio“. Die inzwischen gerichteten Zähne verleihen dem vollbärtigen wieder die nötige Sicherheit: „Ausgabe 2233“. Ein Blick zur anderen Seite des Tisches bestätigt: Die Augen des schmächtigen Mannes haben noch die gleiche Spitzbübigkeit, wie vor vierzig Jahren. Seine schlichte Antwort ist ein trockenes, wenngleich auch ein wenig fisteliges: „So isses“.
Es fällt ihm sichtlich schwer, der Spieluhr den Lochstreifen schwungvoll zu entreissen, aber letztlich gibt die Mechanik den Papierstreifen frei, der mit einem gedehnten Laut aus seiner Führung gleitet.
Sein Mitstreiter hebt, wenn auch nicht ganz ernst gemeint, drohend seinen Gehstock um ein ebenso spassiges „AUAAA – seit über vierzig Jahren ermahne ich dich, die Spieluhr sanft zu behandeln“ entgegen zu werfen. Der angesprochene antwortet, mit einem Blick, den man eher bei einem sechzehnjährigen erwarten würde: „Es ist über vierzig Jahre lang gut gegangen und wird auch noch weitere vierzig Jahre gut gehen!“ Inzwischen ist die altersgräue auf ihren Wangen einem zarten Rosa gewichen und zwei wache und lebhafte Augenpaare blicken sich mit einem Ausdruck diebischer Freude über den Tisch mit den Mikrofonen an.
Die beiden Sprecher beginnen ihren allwöchentlichen Spaß.
Es entspinnt sich ein Stakkato aus spaßigem Text, geistreichen Floskeln und ernsthaften Anmerkungen. Die Gesprächsbestandteile spielen sich die Sprecher wie in einem Tennismatch gegenseitig zu, ohne den Ball jemals ins Aus zu spielen.
Das gelegentlich Knistern, dass unverwechselbar von einem Tabakbeutel stammt, gehört zum festen Bestandteil der Sendung. Gefolgt wird dieses kurze Intermezzo von dem typischen „Ritsch – ritsch – ritsch“ des Feuerzeuges. Schließlich signalisiert dem Zuhörer ein schmauchendes Geräusch, dass der Sprecher erfolgreich war. Sichtlich entspannt wird  das Gespräch fortgesetzt.
Die alten Männer werden jäh in ihre Jugend zurückversetzt und ihre angenehme Wortschwemme gleitet mit einem wohligen Gefühl in die Gehörgänge des Publikums. Die beiden Alten nehmen ihre Zuhörer mit auf eine Reise und springen mit katzengleicher Leichtigkeit von Thema zu Thema.
Die Hörerschaft wiederum saugt diese unglaubliche Mischung wie ein Schwamm begierig auf, wohl wissend dass die beiden Männer von purer Freude getrieben, ihre wöchentlichen Nachrichten veröffentlichen. Doch selbst bei allem Spaß stehen Ernsthaftigkeit und Anstand im Hintergrund parat und verhindern stets, dass die Alten sich in morastigem Terrain wiederfinden. Die beiden treiben ihre Themen vor sich her und schrauben ihre freundschaftlichen Wortgefechte in immer größere Höhen. Plötzlich hält es die alten Männer nicht mehr auf ihren Stühlen, wacklig erheben sie sich. Ihre Augen leuchten.
Sie steigern sich in ein wahres Crescendo der Sprachkunst und immer wieder entlädt sich feinsinnige Komik, über die Lautsprecher.
Doch schließlich fordert das Alter seinen Preis und die beiden Sprecher nehmen ihre Plätze wieder ein.
Der Hörer nimmt es nicht wahr, aber die beiden spüren es: Die Unterhaltung verliert an Kraft.
Behutsam nehmen sie die Energie aus dem Gespräch und lenken es in ruhigere Gefilde.
Ohne jemals die Aufmerksamkeit der Hörer zu verlieren biegt das Gespräch der beiden sanft, aber bestimmt auf die Zielgerade ein.
Mit einem schlichten: „Ihr Lieben, das war’s mal wieder für diese Woche, wir hören uns nächsten Mittwoch wieder“ schließt der breitschultrige und sein Gegenüber fällt mit einem schlichten „Tschüss“ ein.
Die zittrigen Finger drücken die Stopptaste an dem Aufnahmegerät.
Danach erheben sich die alten Männer schwerfällig vom Tisch, stützen sich auf Rollator und Gehstock und schlurfen den Flur hinunter, weg von ihrem Sendeplatz.

Nächste Woche sind sie wieder da.

 

Wir nannten es auch Dosenfischen.

Danke! 

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8 Responses to Alternatives Ende – Eine Hommage

  1. kaeschkaefer says:

    Klasse, das ist wirklich…..mir fehlen die Worte, könnte ich doch auch so schreiben. Willst du das nicht im April bei der Abschiedsfeier in Schwerin vortragen?

  2. UFausLD says:

    Chapeau!

    Danke für den tollen Text zum Abschied der Beiden vom Podcast!

    Grüße aus der Pfalz

    Uwe aka UFausLD

  3. wojtili says:

    Na toll, und schon habe ich wieder „Pipi in die Augen“.

    Wunderschön geschrieben, danke dafür!

  4. Slini11 says:

    Es waren wohl damals die Dosenfischer, die mich vor nun etwas mehr als 4 Jahren auf diesen Blog aufmerksam gemacht haben. Es war der Artikel „Das Spiel der Großväter“, den ich damals als erstes las … offenbar schließt sich der Kreis. Ein wunderbarer Text zum Abschluss für die beiden :-).
    (Ich habe mal gerade nachgeschaut … letzter Beitrag vom 31.12.2013. Denfinitv wird hier zu wenig geschrieben…stilistisch auf ganz ganz hohem Niveau. Bravo!)

  5. Ich bin total berührt von diesen wunderschönen Worten und kann mich den voran gegangen Kommentaren nur anschließen. Tiefen Respekt und eine Verbeugung vor den beiden Dosenfischern aus Schwerin, die mir immer ein Vorbild beim Podcasten waren und sein werden.
    Martin von „Ein Quantum Prost“

  6. Lauflöwe says:

    Sehr schön geschriebener Text. Ich sehe die beiden förmlich gealtert vor mir. 😉

    Auch wenn ich nur selten dazu kam in den Podcast zu hören bin ich ein „Fan“ der Dosenfischer-Musik geworden, insbesondere wegen der Texte, und deshalb auf mehreren Konzerten gewesen.
    Damit, dass die Dosenfischer gehen, geht auch ein Teil meiner schönsten Erlebnisse beim Geocaching.

    Danke an euch für den Text.
    Danke an die Dosenfischer für das, was gewesen ist.

  7. hdlpz says:

    Gesehen und in einem Rutsch durchgelesen. Ja, so könnte es werden.
    Wird’s aber wohl nicht.
    Es erinnerte mich an das schöne Städtchen Stenckelfeld und seine 233 Meisterwerke. Super geschrieben!

  8. gollseidel says:

    „Hach ….“
    wo werden wir Worte wie „selbstreferentiell“, „technikaffin“ und „Ostoroschno“ je wieder so wohlklingend hören?
    Wo werden wir in einen Geocacherpodcast je wieder am Ende gar nicht gewahr werden, dass es diesmal gar keinen Geocache-Content zu hören gab?
    Wo werden wir je bei einem Podcast den Eindruck gewinnen, da säßen Menschen, die du inzwischen sehr gut kennst, ohne dass sie dir mit Privatem Nähe vorgaukelten?

    Je länger ich nachdenke, ums mehr bewundere ich das, was aba und sandmann da geschafft und geschaffen haben.

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