Alternatives Ende – The show must go on

Eisige Kälte umfasst die vor der Halle stehenden Besucher, der Wind schneidet in die entblößte Haut an Händen und Gesichtern. Vereinzelt ziehen Schwaden schalen Zigarettenrauchs durch die Luft, immer den Versuch unternehmend Nichtrauchernasen zu irritieren. Von Aufregung gezeichnete Konversationen vermischen sich mit dem Schwarz der Nacht und gesellen sich zu Kälte und Rauch.
Der Pulk der Menschen wird mit jeder Minute dichter und drängt unaufhaltsam durch die Türen, die ihrerseits ihr möglichstes tun, um die Massen aufzuhalten. Aber die Ausdauer der Wartenden siegt über jedes Unbill und so gelangt der Strom langsam aber stetig in das Gebäude.
Die von Kälte geröteten Gesichter strahlen eine unbändige Vorfreude aus und wenn man das Treiben nur lange genug beobachtet, kann man erkennen, das eben diese Röte auch in der Wärme in den Gesichtern bleibt und ein untrügerisches Zeichen von Freude ist.
Nach der Einlasskontrolle entspannt sich die Menschenmasse in lose Grüppchen, die gezielt die verschiedenen Stationen im Foyer ansteuern. Ein Teil vereinigt sich umgehend vor dem Bierausschank, ein anderer steht am Merchandisingstand an. Andere gesellen sich in kleineren Gruppen zusammen, um ihre gemeinsame Vorfreude auf das, was noch kommen soll, nicht alleine zelebrieren zu müssen.
Nachdem nahezu alle ihren Weg in den wärmenden Raum gefunden haben, der sie nun, wie die Henne ihr Ei, wärmend umschließt, drängt sich dem Beobachter das Gefühl auf, die Luft würde sich langsam elektrisch aufladen. Ein gefühltes, unsichtbares Vibrieren liegt in der Luft, gerade so, als wolle es irgendetwas zum Klingen bringen. Es fühlt sich an, als wäre der letzte Ton aus einer gigantischen Orgel gerade verklungen und würde in den Menschen nachhallen, allerdings mit dem Unterschied, das dieser Ton erst noch gespielt werden muss.
Dann öffnen sich die Türen in das Innere des Gebäudes. Als würde in einer Raumstation eine Außenluke geöffnet, wird dieses Vibrieren mit einer enormen Geschwindigkeit in den schwach beleuchteten Saal gesogen und die Menschen folgen ihm nach.
Der gesamte Raum strahlt etwas unbestimmtes aus, etwas, dass sich nach dickem schwarzen Samt anfühlt. Selbst die spärlich leuchtenden Scheinwerfer vermögen es nicht, diesem Gefühl Paroli zu bieten.
Auch als der Raum endlich ganz gefüllt ist, hängt immer noch dieses Gefühl über den Menschen, allerdings frisst das elektrisierende Vibrieren den schwarzen Samt langsam auf.
Als schließlich dieses lähmende Gefühl von der endgültig überwiegenden Vorfreude verdrängt worden ist, bricht sich die Vorfreude der Menschen Bahn.
Eine irrsinnige Mischung aus eifrigen Gesprächen, Anekdoten, und purer Freude schwebt im Saal und die Anwesenden versprühen geradezu das Gefühl von bislang unerfüllter Lust am Leben und der Erwartung, eben diese an diesem Abend zu stillen.
Je länger die Menschen sich in dem Raum befinden, umso lauter werden die Unterhaltungen. Ein Stakkato an Wortfetzen durchschneidet säbelgleich die Luft des Raumes und so, wie die Lautstärke steigt, steigt auch die Anspannung der Anwesenden. Herzen schlagen schneller, Füße trippeln heftiger und Gesichter werden mit jedem Wimpernschlag roter.
Plötzlich werden die Scheinwerfer spürbar, aber doch schmerzlich langsam gedimmt, bis sie nach einer gefühlten Ewigkeit eine unglaubliche Menge Schwarz über den Saal ergießen.
Stille!
Der Moment zieht sich zu einer Ewigkeit hin, die Nerven aller Anwesenden sind bis zum Zerreißen gespannt.
Es fühlt sich an, als hätten alle den Atem angehalten und wären jetzt bereit, diesen Zustand bis zur Unendlichkeit so beibehalten zu wollen.
Leise, ganz leise kämpft sich ein einzelner Ton von der Bühne durch den stillen Saal.
Pling!
Geradezu vorsichtig folgen diesem ersten verschämten Pling! weitere und formen eine Melodie. Den Zuhöreren geht das Herz auf, vereinzelt rollen verstolene Tränen über Gesichter. Die Anspannung fällt ab.
Diese kleine Melodie, geformt aus einfachen Plings! erfüllt die Herzen der Menschen, erlöst sie aus ihrer Starre und bereitet sie auf das vor, was folgen soll.
Pling! Der letzte Ton verklingt und frenetischer Jubel wird aus der Menschenmasse in Richtung der Bühne getragen. Nein, nicht getragen. Der Jubel bricht explosionsartig aus den Menschen hervor und wird mit einer unfassbaren Wucht gegen die Bühne geschleudert, so, dass Blitz und Donner sich vor Ehrfurcht hinter ihren Gewitterwolken verstecken würden, weil sie begreifen das sie noch viel zu lernen hätten.
Im nächsten Moment wird die Bühne in gleißend buntes Licht getaucht und vier Personen stehen dort, die die Zuschauer zu einer kurzen Steigerung der Lautstärke veranlassen – Blitz und Donner würden jetzt schleunigst den Himmel verlassen und deprimiert ihr Glück an einem anderen Ort der Erde versuchen.
Das Keyboard beginnt zu spielen. Verträumt, geradezu zärtlich. Doch trotz der schönen Klänge wirken die Zuschauer bereits nach kurzer Zeit irritiert, ein Sänger ist nirgendwo zu erblicken.
Ratlosigkeit.
Die Musiker zeigen sich davon völlig unbeirrt und das Keyboard erklingt weiterhin wie selbstverständlich. Die Freude an der Musik lässt sich in den Gesichtern der Musiker ablesen.
Urplötzlich, genau in den Takt passend, ertönt die wohlig sonore Stimme des Sängers und er intoniert das Lied gefühlvoll aber doch bestimmt.
Die farbigen Lichter auf der Bühne gehen aus und nur noch die Musiker stehen im Rampenlicht, dass im nächsten Moment langsam gedimmt wird.
„Ich gleite heute wie auf einer Bobbahn durch den Tag“ alle Anwesenden fallen sofort ein und wie aus dem Nichts erscheint ein Lichtstrahl und leuchtet an die Decke hinter dem Publikum. Dort steht, in luftiger Höhe, der Sänger. Durch seinen, mit unzähligen glänzenden Pailletten besetzten Anzug wird das Licht in alle Richtungen reflektiert. Einem Feuerball gleich lässt sich der Sänger jäh nach vorne fallen und schwebt über die Köpfe der Menschen hinweg in Richtung der Bühne.
Wieder ertönt dieser in seiner Lautstärke unbeschreibliche Jubel, allerdings nur kurz, das Lied will weiter erzählt und gesungen werden und das Publikum will dem Sänger diese Aufgabe um keinen Preis alleine überlassen.
„Die Dosen kommen von selbst wie Zahnbelag“, dass Mikrofon des Sängers müht sich, sich gegen das Publikum durchzusetzen, ohne es mundtot zu machen. Ganz unvermittelt vermittelt das Keyboard wie eine moralische Instanz zwischen den beiden Lagern und macht sie zu Verbündeten.
Der Sänger landet sanft auf der Bühne.
„Ich hab Hochspringerstiefel, ich hab Tieffliegerreflexe“ einträchtig und in einer perfekten Mischung intonieren Sänger und Publikum den Text und beide Seiten sind dem Anderen dankbar für seine Darbietung.
Endlich fallen die anderen Musiker ein und der Rhythmus ändert sich, das Lied nimmt Fahrt auf, ebenso das Publikum.
Die Menschen im Saal beginnen spontan zu tanzen. Das Vibrieren über ihren Köpfen ist inzwischen einer Hochspannung gewichen, es knistert geradezu in der Luft und ein stiller Beobachter würde vermutlich befürchten, dass es zu einer Entladung kommen könne, die Blitz und Donner endgültig von diesem Planeten vertreiben.
Inzwischen sind Musiker und Publikum eine Einheit „Ich hab alles was ich brauch. Ein Ziel, einen Weg und einen Stift“ tönt es nicht nur aus den Lautsprecherboxen, nein auch tausende Sänger im Saal singen unverstärkt mit und formen zusammen mit den Musikern einen unvergesslichen Chor.
„in der Lausitz, wo schon längst kein Mensch mehr wohnt“ nichts spielt plötzlich eine Rolle mehr. Die Zeit scheint verschwunden und das Konglomerat aus Musikern und Publikum ist eine Einheit, die sich wie auf Watte gebettet fühlt.
„Kleiner Käfer in der Fremde, bist du für das Fernweh mein Symbol“ jedes Lied wird zur Hymne, längst vergessenes erscheint plötzlich wieder vor den geistigen Augen der Anwesenden.
Jeder hier erinnert sich plötzlich an dieses eigenartige, große „Irgendwas“ diese Mischung aus Plastikdosen suchen im Wald, Gemeinschaft aufbauen, Freundschaften schließen, gemeinschaftliche Ausflüge und auch an diese Lieder „da hatte Mama noch das eTrex und Papa noch Haare, dass war’n die goldenen Jahre“.
Glückshormone strömen aus den Menschen heraus und verdrängen nach und nach das geradezu unheilverkündende Knistern über ihnen.
Freude!
Schließlich: „Ich hab mir Wanderschuhe gekauft und will gar nicht wandern“. Spontan umfassen die Menschen im Publikum seitlich die Schultern des Nebenmanns und bilden langen Schlangen. „Wir nennen es Dosenfischen oder Geocaching, dass ist ein Familienhobby nur die Kinder wollen oft nicht mit“.
Längst ist der Sänger wieder in sein Seil eingehakt und schwebt über dem Publikum um schließlich auf dem Podest unter Decke am Ausgang zu landen.
„Wir nennen es…“ den Rest überlässt er dem Publikum, dass noch minutenlang immer wieder in diesen Refrain einfällt. Mal unterstützen die Musiker, mal schweigen sie und geniessen das, was sie dort vor der Bühne erleben.
Glückseligkeit.
Schließlich verklingt der letzte Ton und das Publikum bricht erneut in diesen unbeschreiblichen Jubel aus.
Nachdem sich der Applaus langsam entspannt, richtet der Sänger ein letztes Mal seine Stimme an das Publikum: „Das hier heute Abend war besonders. Bezaubernd. Großartig. Wir wissen gar nicht so genau, was es eigentlich war, aber es war gut. Und genau deshalb wird es auch beim nächsten Mal wieder gut werden. Und wir hoffen sehr, dass wir euch auch beim nächsten Mal wieder dabei haben“. Erneut dieser unbeschreiblich dankbare Jubel, der sich auch noch etwas hält, nachdem sowohl Sänger als auch Musiker verschwunden sind.
Dann verschwindet auch das Publikum, wohl wissend, dass sie „Ihre“ Band bald wiedersehen werden.
Plötzlich ist der Saal leer, dass Licht geht an, der Zauber ist mit den Menschen verschwunden. Pappbecher am Boden sind die stummen Zeugen dessen, was hier heute Abend Menschen glücklich gemacht hat.

 

Wenn am 26.August 2017 der Vorhang fällt, bleibt das zurück:

Als morgens auf dem Klo das Papier alle war, hätte ich gleich wieder ins Bett gehen sollen von Tagen, die so von der Rolle sind ist nun wirklich nichts zu wollen,nichts zu erwarten und nichts zu erhoffen Tage wie schnell gefunden, vielen Dank
Flecken im Hemd und die Schnürsenkel offen
Tage wie ein Schneemann auf der Sonnenbank
Tage wie ein Schneemann auf der Sonnenbank

 

DFDM – Danke für die Musik!

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