Endzeit-Jahrmarkt der Eitelkeiten

Friedlich treiben die Massen durch die Budenstadt, bestaunen die Auslagen der Händler und plaudern einträchtig über Dies und Das.
Man sieht Menschen soweit das Auge reicht, aus vielen Ländern sind sie angereist um ihrem Hobby nachzugehen, sich zu treffen, auszutauschen, den neuesten Klatsch und Tratsch zu verbreiten und zu feiern.
Gegen Abend, als die pulsierende Menge in Funktionskleidung und Flecktarn gekleidet, ihren zahlenmäßigen Zenith erreicht, nimmt schließlich alles seinen Anfang…

„Sag‘ mal, kann es sein, dass du bei meinem Cache ‚Alles Gute kommt nach oben‘, gar nicht wirklich oben warst? Ich habe neulich das Logbuch kontrolliert und die Schrift von deinem Log, sieht deiner Handschrift gar nicht ähnlich.“
Ganz leicht, fast unmerklich ziehen sich die Augenbrauen des angesprochenen zusammen bevor er antwortet: „Natürlich war ich oben, alles andere würde meiner Cacherehre widersprechen. Kann sein, dass meine Hände etwas klamm waren nach der Kletterei. Aber der Logeintrag stammt definitiv von mir.“
„Hmm, bei meinem Tauchcache sah deine Schrift auch schon so ganz anders aus, als sonst.“
Die Augenbrauen ziehen sich weiter zusammen: „Du willst jetzt aber nicht behaupten, dass ich gegen den Ehrencodex verstoße, oder? DAS würde ICH nie tun!“
Die Wangen des Fragenden beginnen inzwischen beharrlich, ihren rosafarbenen Teint gegen eine Kirschröte, die einem Obstbauern im Alten Land Freudenschreie entlocken würden, zu tauschen.
„Ich glaube, ich brauche das gar nicht zu behaupten. Ich habe ja noch diesen Cache, der nur per Helikopter zu erreichen ist und da habe ich einen sehr guten Überblick über die Flugbewegungen und die Fluggäste. Dein Name steht in keiner Charterliste und dennoch hast du diesen Cache als Found geloggt.“
Die Augenbrauen berühren beidseitig die Nasenwurzel und die Falten auf der Stirn gereichen jedem Shar-Pei Welpen zur Ehre. Als der angesprochene seine Rede beginnt, flattern seine Nasenflügel wie die eines Zuchthengstes, kurz bevor er seinem Bestimmungszweck nachkommt. Er erhebt seine Hand und deutet mit einer stechenden Geste seines Zeigefingers auf sein Gegenüber, wobei sich die Augen zu unnatürlichen Schlitzen verengen: „DU solltest besser ganz ruhig sein. Ohne MICH wärst du NIE dahin gekommen, wo du heute bist. ICH habe dich damals, unter meine Fittiche genommen und ICH war es, der dich in die Geheimnisse des Geocaching eingeweiht hat. DU konntest damals noch nicht einmal unser wichtigstes Werkzeug, dass Smartphone, bedienen. ICH war es, der dir das Alles beigebracht hat. Und heute soll ich mir ausgerechnet von DIR vorwerfen lassen, ich würde betrügen?“
Inzwischen ist das Stimmengewirr rund um die Beiden verstummt. Wie von Geisterhand entfernen sich die Umstehenden von den Kontrahenten und bilden ganz ungewollt einen Kreis. Langsam umkreisen sich die Widersacher in diesem menschlichen Boxring. Ihre Wangen strahlen signalrot, Schweißperlen stehen ihnen auf der Stirn und jede einzelne Faser ihrer Körper ist angespannt.
„Du glaubst, du hättest MIR etwas beibringen können? Du bist wirklich bemitleidenswert. Und dann dieses armselige Weblog, dein peinlicher Podcast in den du dann auch noch andere mit hineingezogen hast, all das ist geradezu armselig!“
Inzwischen hat das Geschrei der beiden eine Lautstärke erreicht, so dass auch weiter entfernte Besucher die Geschehnisse wahrnehmen.
Plötzlich stampft ein Zuschauer in den Kreis und gesellt sich zu ihnen: „VORSICHT FREUNDCHEN, was den Podcast angeht bin ich, wie du weißt, auch betroffen und ich lasse nicht zu, dass so ein Würstchen wie DU das armselig nennst!“
Ein weiterer betritt den Kreis: „Und ICH werde NICHT mit ansehen, wie hier Leute systematisch UNSERE Caches mit falschen Logs in den Dreck ziehen!“
Der Kreis füllt sich schnell weiter und auf beiden Seiten bilden sich Menschentrauben, die sich gegenseitig wüst beschimpfen. Die plötzliche Eskalation und die damit einhergehende Lautstärke lässt auch den Veranstalter auf den Tumult aufmerksam werden. Die Organisatoren versuchen die Security zum Ort des Geschehens zu schicken. Die schafft es aber nicht, sich durch die Menschenmassen zu drängen. Als sich schließlich auf beiden Seiten ca. 30 Menschen gegenüber stehen und wie ein brodelnder Schnellkochtopf kurz vor dem Auslösen des Überdruckventils sind, wird ein eiliger Notfallplan entworfen.  Die Veranstalter schicken vorzeitig die Band auf die Bühne, in der Hoffnung, die Lage so zu entschärfen. Die Musiker erkennen den Ernst der Lage und ergreifen eiligst ihre Instrumente und Mikrofone und spielen ihr erstes Lied. Nach dem zweiten Lied entspannt sich langsam die Lage und die Kontrahenten stehen nebeneinander neben der Bühne und beginnen in den Gesang der Künstler einzustimmen. Schließlich singt die ganze Masse einträchtig im Chor ihre Lieder.
„…. keinen Grund gab’s zu streiten“ tönt es lauthals aus ihren Kehlen und selbst die Streithähne zeigen ein leichtes, nahezu versöhnliches Grinsen.
Dann heben sie alle ihre Feuerzeuge, Taschenlampen, Schals und singen vereint IHRE Hymne. Und als der Schlußakkord verklingt, haben alle einen friedlichen, geradezu glücklichen Ausdruck in ihren Gesichtern.

„UND DU WARST DOCH NICHT OBEN! NIEMALS! DU BIST EINE MEMME, EINE FLASCHE, DU HAST GAR NICHT DEN MUMM, DASS DURCHZUZIEHEN!“
Kaum haben die Worte die Lippen verlassen, werden Sie extrem zielsicher von einer Faust getroffen, die zwei großflächige Platzwunden entstehen lässt. Innerhalb weniger Sekunden sind die anderen Beteiligten des vorher noch verbalen Schlagabtauschs zur Stelle um jetzt das Verbale gegen Körperliches zu tauschen. Es dauert keine Minute und ca. 60 Mann sind in eine Schlägerei verwickelt, die plötzlich wie ein Buschbrand um sich greift. Neben Geschrei und Schmerzenslauten sind nur vereinzelt und bruchstückhaft Wortfetzen auszumachen: „…meine TBs discovert, die auf der Liste standen….“, „…mein Kletterseil manipuliert…“, „…alle Dosen meines Powertrails sabotiert…“, „…meine Coins aus dem Hotel geklaut…“, „…mit meinem Mann warst du doch nachts nicht nur cachen…“
Es dauert nicht lange, da fliegen mehrere tausend Fäuste. Der Sicherheitsdienst hat sich selbst in Sicherheit gebracht und die beiden, vorher noch anwesenden Polizisten, sind auf dem Weg nach Hause, um ihre Familien aus der Stadt zu bringen.
Die Masse pulsiert und drängt auseinander um kurz darauf erneut im Kern geradezu zu implodieren. Schnell erreicht die Aggressivität ein Level, in dem es nicht mehr ausreicht, sich gegenseitig Schaden zuzufügen – ein Auto liegt brennend auf dem Dach und angrenzende Geschäfte werden geplündert…

Stunden später liegt über der Stadt eine bedrohlich wirkende Rauchsäule. Aus dem ganzen Land sind Polizisten in vielen Hundertschaften zum Ort des Geschehens gebracht worden und haben schließlich nach harten Kämpfen die Lage unter Kontrolle gebracht. Auf dem Schlachtfeld, denn anders kann man diesen Ort nicht mehr bezeichnen, liegen röchelnde Menschen und bei einigen kann man nicht sicher sein, ob ihnen noch geholfen werden kann. Abgetrennte Gliedmaßen übersähen das Feld, drapiert mit Fetzen aus Flecktarn, Kletterutensilien, kunstfertig hergestellten goldenen Münzen, sowie kleinen durchsichtige Plastikröhrchen mit Schraubverschluß.
Die Nachrichten melden, dass man inzwischen davon ausgehen muss, dass es sich bei Menschen, die diesem Hobby nachgehen, um eine kriminelle Vereinigung handelt und ihr Redelsführer Jeremy I. wird per internationalem Haftbefehl gesucht.

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3 Responses to Endzeit-Jahrmarkt der Eitelkeiten

  1. steingesicht says:

    hihihi – was das das GiGa-Event in Stenkelfeld

  2. Olli&Co says:

    Sehr schön, Stenkelfeld fiel mir auch sofort ein!
    „In dem Chaos irren Menschen umher. Menschen wie du und ich, die ihre Freizeit nur ein wenig in der Natur verbringen wollten…“

  3. UFausLD says:

    Sehr schön – das war vom feinsten.
    Da hat sich das Lange Warten auf was neues wieder mal gelohnt!

    Grüße aus der Pfalz

    Uwe aka UFausLD

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