Familienfrieden

„Ach, wie herrlich, schaut euch dieses alte Gemäuer an – ein Traum“, die Worte des Vaters werden durch das gehauchte „Wun-der-schön“ der Mutter noch verstärkt.
Herrmann-Maurice meint: „Na ja, is schon irgendwie fett, aba doch nur ’n LP wie jeder andere. Das Schloß letztes Wochenende mit Abseilen und so, dass war echt ma Hamma!“. Dann wendet er sich wieder seiner tragbaren Spielekonsole zu.
Fabienne-Gerda hingegen interessiert das alles recht wenig, sie spielt ausgelassen mit Cito, dem Hund. Erna-Kimberly, dass Nesthäkchen schläft im Kinderwagen und bekommt von der gesamten Diskussion nichts mit.

Die Realnamen finden in der Familie wenig Anwendung, man hat es sich im Laufe der Zeit angewöhnt, sich einfach bei den Nicknamen zu nennen. Aus Vater Wolfgang wird „Powertrailer01“, Monika, die Mutter hört am ehesten auf „Wurst-Walküre“, die Kinder reagieren auf „iCks-mAn2002“ und „Lulufee2006“, selbst der Nachzügler wird vorzugsweise mit seinem Nick „PampersPuper“ angesprochen.
Gemeinsam wuchtet die Familie den fahrbaren Grill, Getränkekästen, zwei Kühlboxen, sowie den Kinderwagen in das Erdgeschoss des Gemäuers. Hier stärkt sich die Gruppe mit einigen Schlucken aus den mitgebrachten Flaschen – die Auswahl reicht von Fluss-Kola über Roter-Ochse bis hin zu Bier und Sekt. Und wäre das Baby wach, stünde selbstverständlich etwas MaierMilch zur Verfügung.

Powertrailer01 beginnt mit der Verteilung der Aufträge: „Wu-Wa übernimmt den oberen Bereich und sieht sich ein wenig um. Icks und Lulu ihr sucht mal nach diesem Gegenstand, das ist der Hint zu Station 2, der müsste im Keller sein. Er drückt den beiden ein Ausdruck des Fotos vom gesuchten Gegenstand in die Hand. Ich geh mit Cito los und schieß mal ein paar coole Aktionfotos von euch beim Suchen“.
Lulu jammert: „Warum müssen wir immer in den Keller? Da sind immer voll fiese Spinnen!“. „Nehmt eure Taschenlampen und verscheucht die Biester einfach mit dem Licht“ antwortet der Vater resolut.
Mürrisch betritt iCks-mAn2002 die Treppe und seine Schwester folgt ihm. Beide ziehen nahezu simultan ihre BeamBlasterXXL5000 aus den Gürtelholstern und nach zwei kaum hörbaren Klickgeräuschen verwandelt sich das vor ihnen liegende pechschwarze Treppenhaus  augenblicklich in gleißendes Weiß, so dass sie einen Moment innehalten, um ihre Augen daran zu gewöhnen.

Powertrailer01 ist inzwischen, gewarnt durch das Knacken von trockenem Gehölz, an den Eingang getreten und entdeckt die Eindringlinge auf dem Aussengelände sofort. Mit einem Satz springt er am Kinderwagen vorbei und schießt dann mit ungeahnter Geschwindigkeit auf die zwei, in Flecktarn gekleideten Menschen zu. Er reißt die Arme auseinander und umschließt die beiden nichtsahnenden von hinten: „Wolle72 und ScharferZahn“ schreit er den beiden mit kaum zu überhörender Freude ins Ohr. Dann lässt er von ihnen ab und die beiden drehen sich um „Power“ schreien sie, wie aus einem Mund, „was machst du denn hier“. „Ich bin mit der ganzen Family da und wir wollen den LP mal richtig rocken. Ein wenig T5ern, coole Fotos schießen und ein bischen Party – wie sieht’s aus, seid ihr mit von der Partie“ sprudelt es aus ihm heraus. Den beiden Neuankömmlingen glänzen die Augen „Selbstverständlich, was meinst du wozu wir hier sind“.
„Dann los. Die Kinder erkunden den Keller, Walküre ist oben, der Puper liegt da vorne im Wagen und schläft und Cito schleicht wie immer irgendwo hier rum. Lasst uns mal sehen, wie weit die anderen sind.“

Die Gruppe setzt sich in Bewegung, zurück in Richtung des Gemäuers. „Kids! Wu-Wa! – Wir haben Verstärkung bekommen!“ ruft der Vater aus voller Kehle. Genau in diesem Moment kommen die Kinder die Treppe hoch und tragen triumphierend ein Stück verrostetes Stahlrohr vor sich her „Hier drin steckt der Hint“ ruft Icks. Dann kreischt Lulu freudig: „Oh Mann, Wolle und Zähnchen. Cool – das wird lustig!“. ScharferZahn, die im wahren Leben auf den Namen Waltraud hört, nimmt das Mädchen in den Arm „Lulu, mein Engel – na, wer von euch beiden hat denn den Hint entdeckt?“ Die Wangen des Mädchens leuchten rot, als sie voller Stolz erzählt, dass sie das Rohr gefunden hat.
Power und Wolle haben das Rohr zusammen mit Icks längst inspiziert und einen schmalen Streifen Papier aus dem Inneren gezogen. „Auf dem Dach“ liest Wolle72 vor „also ab nach oben“.
Die fünf machen sich auf den Weg.
Die schweren Kampfstiefel, das Knarren der Treppenstufen, sowie unzähliges  Klettergerät aus Aluminum und Stahl an ihren Gürteln spielen eine Sinfonie des Unbehagens in dem alten Gemäuer.
Als sie den ersten Stock erreichen stoßen sie auf die Wurst-Walküre und es gibt eine überschwengliche Begrüßung zwischen ihr und den Neuankömmlingen.
„Wir müssen aufs Dach“, erläutert ihr Wolle und erneut setzt sich der Tross dieses Mal zu sechst in Bewegung.
Nach vier weiteren Stockwerken ist die Gruppe endlich am Ziel. Auf dem Dachboden angekommen erklärt Powertrailer01 den beiden befreundeten Suchern: „Jetzt holen wir uns hier erst mal richtig gepflegt den T5 Punkt und anschliessend bauen wir im Garten den Grill auf und dann feiern wir ein wenig. Black Mamba und Zwiebelhaut sind noch bei einer Hochzeit, kommen aber noch und das gesamte Team Lurchi und die Bruchpiloten sind spätestens beim Grillen dabei“. Während sich die Freude bei Wolle72 und ScharferZahn aufgrund der Neuigkeiten ins Unermessliche steigert, ruft Monika unvermittelt aus der anderen Ecke des Dachbodens: „Hier ist Station 2“.

Sofort stürzt die gesamte Mannschaft in ihre Richtung. Sie hält einen Zettel in der Hand und beginnt zu lesen: „Bis hierher war es ein Spaziergang, ab sofort wird es ein Horrortrip“. Herrmann-Maurice stösst ein langgezogenes „Cool“ aus, bevor seine Mutter weiter liest: „Du mußt auf den Turm der dem Dach gegenüber liegt. Es gibt nur eine Chance dorthin zu kommen und die bietet sich nur hier oben. Weicheier haben hier nichts verloren“ die Männer grinsen „echte Cacher gehen weiter und verdienen sich den Fund. Rockt die Bude und habt Spaß“.

Die Beteiligten schauen sich an und es macht sich eine Mischung aus Unbehagen und freudiger Erregung breit.
„Okay“ durchbricht Powertrailer01 nach einem kurzen Augenblick die Stille „der Turm ist da vorne und von unten gibt es keinerlei Möglichkeit oben drauf zu kommen. Die Zugänge sind zugemauert, es geht also nur von hier oben.
Da vorne ist ein Fenster, dass müsste genau in die Richtung des Turmes zeigen“. Sofort ist Wolle72 an dem Fenster und reisst das morsche Holz kurzerhand komplett aus der Verankerung. Mit einem Knall geht es zu Boden und die Reste der Glasscheiben zerbrechen in unzählige Stücke. „YES“ entfährt es ihm knapp „da drüben ist er“. Powertrailer01 schiebt sich neben ihn an die Lücke im Dachstuhl „Da gibt’s nur eins: Enterhaken  rüber werfen und mit der Seilbahn auf den Turm“.
Die beiden Männer schauen sich an und grinsen,  Herrmann-Maurice reckt die Faust in die Höhe und presst ein „Jetzt wird das hier noch ne derbst fette Angelegenheit“, dann klatscht er mit den beiden Männern ab.
Die Frauen schauen sich an, verdrehen kurz die Augen und schmunzeln. Lulufee schaut ein wenig betreten auf den Boden, aber ihre Mutter ist schon bei ihr: „Keine Angst du schaffst das, dieses Mal sind wir nicht so hoch, maximal 15 Meter über dem Boden“. ScharferZahn nimmt sie in den Arm und spricht ihr ebenfalls Mut zu.
Währenddessen fliegt der Wurfanker bereits zum fünften Mal in Richtung des Turmes und dieses Mal bekommt er an dem gegenüber liegenden Gemäuer halt. Die Männer johlen.
Powertrailer01 entscheidet: „Icks zuerst, du bist der leichteste. Wenn du drüben bist, checkst du den Ankerpunkt, dann kommen wir rüber“. Der Junge grinst über das gesamte Gesicht „Geht klar“ antwortet er prompt.

Dann schnappt er sich von seinem Multifunktions Klettergurt Karabiner, Seilrolle und seine Handschuhe. Nachdem die Hände mit den Kevlarschützern versorgt sind, hängt er zuerst die Seilrolle ein, bevor er an ihr mit geübten Griffen den Karabiner einklinkt. Schließlich hängt er sich selbst in den Karabiner.
Noch bevor Wurst-Walküre ihre übliche Mahnung, die Haltbarkeit des Ankers vorher zu prüfen, aussprechen kann, ist ihr Sohn bereits aus dem Dach verschwunden und hängt in luftiger Höhe zwischen den beiden Gebäuden. Er umschliesst mit beiden Händen das Seil und beginnt sich auf die andere Seite zu hangeln.

Am Turm angekommen greift er nach einem Sims, löst sich gekonnt aus dem Seil und zieht sich artistengleich, ohne weitere Sicherung auf das Plateau des Turmes.
„Diese Kinder…“ gibt sein Vater grinsend von sich. Als ob dies sein Stichwort sei, ruft der Sohn von drüben: „SAFE“ und reckt den Daumen in die Höhe.
Der Reihe nach verlassen erst Wurst-Walküre, dann Lulufee06, gefolgt von ScharferZahn, sowie Wolle 72 und Powertrailer01 den Dachboden und setzen auf den Turm über.
Als die gesamte Mannschaft auf der anderen Seite vereint ist, beginnt völlig unaufgefordert die Suche nach dem Versteck.

Schließlich ist es dieses Mal Wolle72 der den Fund macht. Er versucht, das stählerne Behältnis hinter einem Stein hervor zu ziehen, aber es will ihm nicht gelingen. Powertrailer01 reicht ihm sofort sein Feathermen Werkzeug und nach und nach löst er den Stein weiter aus dem Verbund, bis er ihn schließlich aus der Wand zieht und glorreich in die Höhe reckt.
Die Blicke sind in das kleine Loch gerichtet, als sich zunächst ganz leise, dann immer lauter werdend, dass Geräusch in die Wahrnehmung der sechs schleicht.
Dann geht alles ganz schnell: Ein lautes Knacken und die Decke verschwindet unter ihren Füßen. Zunächst rauscht sie mit langsamer, dann aber mit immer schneller werdender Geschwindigkeit nach unten. Die beiden Familien sind völlig überrascht als sie durch den verlassenen Turm nach unten fallen und nach 15 Metern Strecke auf dem Geröll der zerborstenen Betondecke aufschlagen.

Powertrailer01 röchelt noch leise: „Wu-Wa………das…i..Phone……….ich….will…….noch ….log..gen“. Dann starren seine Augen, so wie die der anderen fünf, glasig vor sich hin.

Erneut knacken im Gehölz, dann laut vernehmliches Gejohle von mehreren Erwachsenen: „Power, Wu-Wa, Kids, wo seid ihr“?
Stille.
Hundegebell. Ein Baby schreit.

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21 Responses to Familienfrieden

  1. Olli says:

    Mein lieber Dieter, würde mal sagen… Leider geil! Ich verneige mich und verbleibe mit einem Gruß, Olli

  2. quirinh says:

    Wahnsinn, echt großartig, dankeschön!
    Das wirklich Schlimme ist, dass ich (wie sicherlich viele) große Teile der Story auch schon tatsaechlich so erlebt habe…
    Nur einem solchen Finale musste ich gluecklicherweise noch nicht beiwohnen…

  3. Wie immer toll geschrieben! Vielen, lieben Dank für diese Kurzgeschichte! 🙂

  4. DasATeam says:

    Hammerharte Geschichte. Cool.

    MfG Oliver/DasATeam

  5. alligateuse says:

    Whow! Wenn es nicht so traurig wäre …

    Danke für die klasse Story!

  6. AndiW says:

    wie treffend – das hatten wir hier http://coord.info/GL83MAQ2 erst am vergangenen Wochenende… traurig, aber wahr….

    • Paravan says:

      > wie treffend – das hatten wir hier http://coord.info/GL83MAQ2
      > erst am vergangenen Wochenende… traurig, aber wahr….

      …und das Log noch mit einem Familienfoto garniert, wo der/die jüngst knapp zum Fenster ausschauen kann. Der Cache besitzt aber – durchaus berechtigt – das „No Kids“-Attribut. Man muss also nicht einmal Lesen könnne.
      Und dann wundert man sich, wenn das Geocachen so in Verruf kommt.

  7. Schredder says:

    Aha, hast Du dich also vor die „Alte Dame“ gesetzt und dokumentiert ? Schön geschrieben…

  8. top gun says:

    Super Story! Toll geschrieben!

    Danke 🙂

  9. JR849 says:

    Leider geil… und fast schon traurige Wahrheit über manch einen Familienausflug zu LPCs*
    *AusGründen

  10. frechdaxx70 says:

    …echt köstlich! Hab‘ ja lange nichts mehr von dir gelesen – aber das Warten hat sich gelohnt 🙂

    Vielen Dank!

  11. Bundescacheminister says:

    Du solltest öfter mit mir HM laufen, wenn danach solche großartigen und leider (bis auf bisher, zum Glück, das Finale) der Realität entsprechenden Meisterwerke das Tageslicht erblicken!

  12. Pingback: Familienausflug in den Lost Place | Geocaching, oder die Suche nach der Tupperdose

  13. R O B I N says:

    Das schreckt sehr ab 😮
    …ich glaube aber kaum, dass die Anfänger-Zielgruppe auch nur einen Blogartikel je gelesen haben geschweige denn wissen, was ein Geocaching-Blog ist!
    So bleibt es eben weiterhin beim frustrierenden Aufregen über derartige Logs*…

    Gruß Robin

    *)Siehe vorige Kommentare

  14. Haloa!

    Sehr schön geschrieben und mit „Happyend“ ganz nach meinem Geschmack.
    *daumenhoch* – Ich mag Geschichten in des Königs Manier.

    In der Firma regen sie sich über die jährliche Sicherheitsunterweisung auf und privat können sie auch alles ohne… – wie heißt die Freizeitversion der Betriebsblindheit?

    TJ.

  15. Louis Cifer says:

    Respect ! Klasse geschrieben 😉

  16. DoGlobe says:

    Super aber sehr traurige Geschichte… Kann kaum glauben das so was in der Art echt vorkommen soll, aber ich vermute das dies teilweise traurige Realität ist, zum Glück bis jetzt noch ohne dieses ende.

  17. Pingback: Dosenfischen: Geocaching-Podcast 189 › Geocaching-Podcast Dosenfischer

  18. sandmann says:

    Es gibt kaum etwas Schöneres, als gut erzählte Geschichten. Und das hier ist ein ganz wundervolles Exemplar dieser Gattung. Bin hingerissen.

  19. Stephan says:

    Liest sich wirklich gut, wahrscheinlich weil es auch nicht so „unwahrscheinlich“ ist.
    Beste Grüße

  20. Reluca says:

    Super geil geschrieben!

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