Geocaching-Light

Wäre es ein Kinofilm, dann wäre ein mit einem leichten Hall versehenes „Fuuuuuuump“ als Hintergrundgeräusch passend gewesen, als die Taschenlampe vom Typ „Sehnix GC 2010“ die Dunkelheit durchschneidet wie ein warmes Messer ein Stück Butter.
Das Geräusch bleibt jedoch aus. Wie Lichtschwerter kommen plötzlich von überall her Lichtkegel und erhellen den Wald. Die Lichtstrahlen tanzen, als wären sie die fleischgewordenen  Rudolph Nurejew und Margot Fontayn, die als Siegfried und Odette in Lichtgestalt am nächtlichen Himmel ihr Spiel vorführen. Eine Phalanx aus kleinen batteriegespeisten Aluminiumröhrchen, die die Nacht schreckhaft zurückweichen lässt und der Natur ein tageslichtähnliches Spektakel vorgaukelt.

Die Inhaltsstoffe, die dieses Treiben ermöglichen, lesen sich wie das „Who Is Who“ der Atomphysik: isotonen-überreizte Photonpumpen mit invertierten Step-up Quasaren sorgen für unbeschreiblichen breiten „Spill“ bei sparsamem Energieverbrauch, Quadrantenreaktoren mit aseptischer Molekülprophylaxe hingegen machen einen wahnsinnigen „Throw“, saugen aber dafür die Batterien schneller leer, als Zink und Kohle in einträchtiger Reaktion zu liefern im Stande sind.
So jedenfalls, kann man es aus den Reihen ihrer Halter, die man vielleicht insgeheim lieber mit der Bezeichnung Pilot versehen würde, vernehmen – einer Gruppe von 10 Personen, die sich, die gesamte Fauna in gleissendes Licht tauchend, über den Pfad der Parkanlage in Castrop-Rauxel bewegt.

Später, als sie schon längst an der Currywurstbude „Körri-Karl“ bei in Saitling gepresstem Wurstbrät mit scharfer Ketchupsoße, sowie kaltem Pils, in eine Fachsimpelei verfallen, entspinnt sich folgendes Gespräch:
„Meine Lampe haut mich echt jedes Mal voll aus den Socken. Ich habe jetzt ein neues Drop-In, dass habe ich in einen wassergekühlten Host eingebaut, da sonst das Gehäuse nach ca. 30 Sekunden schmilzt. Mit dem neuen Clicky habe ich jetzt das perfekte User-Interface. Was die Lampe alles kann ist ein echter Hammer. Multi-Mode Strobe, Built-in Morse Code, Partikel-Emitter, um nur die wichtigesten zu nennen.“ Von gegenüber kommt nur die knappe Frage: „Leuchtdauer?“ Der gefragte: „2-3 Minuten“. Ein anerkennender, leiser Pfiff des Fragenden, der darauf nachhakt: „Dauerlicht?“. Die Antwort: „Nö, wozu? Aber dafür verdorren bei mir sofort Kleinpflanzen, wenn ich sie mit meiner ShrekLite bestrahle“. Bereits bei „verdorren“ beginnt der antwortende zu glucksen, um schließlich die letzten Silben des Satzes in einem schallendem Lachen zu verschlucken, in das der Rest der Gruppe sofort einfällt.
Ein anderer gesellt sich zu den Beiden: „Meine DreiSchwestern hat zwar schon einiges auf dem Buckel, aber bei dem Spill, der gänzlich ohne HotSpot, dafür aber mit umso stärker ausgeprägter Corona daherkommt, könnt ihr eure Leseleuchten alle in den Müll werfen“. Erneut Gejohle vom Rest der Gruppe. „Und wie lange leuchtet die so?“ „Naja“ antwortet der gefragte „jetzt nach dem Umbau büße ich schon etwas an Dauer ein. Ein neus Bezel, Tailstand und dazu natürlich die neue 40A Pee Sun-Equivalent Extra XXL 8250 mit handverlesenem Bin, die saugt etwas mehr – aber auf ehrliche 5-6 Minuten komme ich schon.“ Die anderen quittieren diese Antwort mit ungläubigem Gemurmel. „5-6 Minuten? Das glaubt dir doch niemand. Wenn die 4 Minuten leuchtet, wäre das schon der absolute Oberhammer“ sagt jemand vom Nebentisch.
Der Konter auf diese Aussage kommt mit der Präzision eines meisterlich geführten, handgeschmiedeten Damaszenerschwertes und wäre es eines, so hätte der gefragte seinem Kontrahenten damit sicherlich die Zunge abgeschlagen. „Wenn ich sage 5-6 Minuten, dann kannst du mir das glauben.“ Die Pausen zwischen den Worten wählt der Sprechende unnatürlich lang, um seine Aussage, hier vor Körri-Karl geradezu in den Waschbetonboden zu zementieren. „Nachdem ich die 16340er Zellen rausgeschmissen habe und eine externe Stromquelle verwende, konnte ich die Leuchtdauer drastisch verlängern. Damit das gar nicht erst angezweifelt wird“ er schiebt ein paar leere Currywurst Schalen beiseite, hebt seinen Rucksack auf den weißen Stehtisch und öffnet den Reißverschluß „hier mein kleines Kraftwerk“ liebevoll tätschelt er den Cordurabeutel „über eine Primärtreiberstufe, bestehend aus selektierten Iridium-Neon-Diklophenak-Akkus, takte ich eine Hochlastendstufe, die durch einen Optokopplerschwingkreis vom Sekundärstrang entkoppelt wird. Im Sekundärstrang wiederum befindet sich eine Suprawicklung mit imaginärer Ferrittrombose, die auf eine Silizium-Silikat-Salbeielektrode einspeist. Mit dem nachgeschalteten Taktinverter auf Piezobasis erhalte ich eine absolut konstante Spannung von 7.2 Volt bei einer Ausbeute von satten 4500 mAh!“
Ungläubige Stille, die Münder der umstehenden stehen offen und starren in den geöffneten Rucksack. Plötzlich flüstert einer: „4500 mAh – ich fasse es nicht. Das…das…das wäre ja geradezu revolutionär“. Die anderen fallen in das Gemurmel ein. Die Ehrfurcht in ihren Stimmen wächst nach und nach zu einem unartikuliertem Stakkato an. Ein Umstehender könnte meinen, dass die sie umgebende Luft kocht.
Schließlich entwickelt sich die Kommunikation zu einem hysterischen, undefinierbarem Wortbrei, aus dem dieser imaginären Beobachter, nur noch einzelne Wörter herausfiltern könnte – die wiederum dürften für ihn jedoch noch kryptischer sein, als alles bislang gesprochene.
Die hitzige Kommunikation beruhigt sich zwar nur langsam, aber schliesslich senken sich Lautstärke und Sprachgeschwindigkeit wieder auf ein erträgliches Mass. Die, immer noch um diesen einen Tisch versammelten  Menschen, wechseln wieder in eine normale Unterhaltung.
Jäh wird das Gespräch vom Nachbartisch unterbrochen „Ähhh, Jungs“ ruft eine Stimme und alles dreht sich zum dem Rufenden um „ich finde ja eure Taschenlampen echt toll, aber da bei euch ja das Licht schon nach wenigen Minuten aus war und ihr zum Currywurst essen umgekehrt seid, bin ich alleine weiter gegangen und habe mal den Cache gehoben“ er zeigt eine Filmdose „falls noch jemand loggen will…“ – eisiges Schweigen und eigentümliche Blicke schlagen ihm entgegen. „Übrigens – wenn ihr auch mal einen Final sehen wollt“ – er hebt eine kleine, völlig unscheinbare Kunststoff-Taschenlampe in die Höhe „Edo-Schuh, vier Euro fünfundneunzig – die kann zwar nur leuchten, aber 12 Stunden am Stück“…

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11 Responses to Geocaching-Light

  1. JR849 says:

    YMMD 😀 😀

  2. rabeV2.0 says:

    Sehr schön 🙂

  3. road_runner31 says:

    Herrlich geschrieben, ich schmeiß mich weg 😀 😀

  4. BlueGerbil says:

    Tja, die einen suchen halt ein weiteres Hobby mit den ganzen Lampenbasteleien und andere wollen einfach nur profesionelle Licht-Tools, die dort in der richtigen Menge leuchten, wenn sie gebraucht werden. Da ist und bleibt ´ne nicht-modifizierte SureFire einfach das Mittel der Wahl.

  5. Mogontiacum says:

    Ein perfekter Start in den Tag!

    Vielen Dank, sehr schön!

    Mogontiacum

  6. Olli says:

    Wie auch die letzten Einträge sehr schön zu lesen.
    Vielen Dank dafür…
    Gruß der Olli

  7. 1/4 Kappler says:

    Am Besten finde ich die Salbeielektrode…:D

  8. coronar says:

    *verbeug*

    Wirklich großartiger Text, der zeigt, worauf es im Cacher-Leben ankommt: Currywurst, Lichtstärke und Salbei! Vergesst die alten Dosen. Übrigends ist in der Textzeile „dafür aber mit umso stärker ausgeprägter Corona daherkommt,“ ein Rechtschreibfehler!

    Gruß
    coro

    • De Dithmarscher says:

      Ich bin (leider) kein Experte für die korrekte deutsche Rechtschreibung, eigentlich bräuchte ich jemanden der meine Texte korrigiert. Vielleicht konnte ich deshalb den Rechtschreibfehler nicht finden?

      Übrigens: Übrigens schreibt man gänzlich ohne d…;-)

  9. chrysophylax says:

    Das gibts aber nicht nur als Wettstreit bei lichtABGEBENDEN Geräten, sondern nartürlich auch bei lichtDETEKTIERENDEN Geräten – da läuft der Schwanzlängenvergleich dann unter der Überschrift „Mein Reaktivlicht löst mit der TaLa ‚Varta Volkssturm‘ schon bis zu 1000m sicher aus – wer kommt drüber ?“

    Wird glaube ich nicht ganz so erbittert geführt, ist aber definitiv schon zu erkennen…

    Ansonsten hab ich mich auch köstlich amüsiert und weiß jetzt auch, warum ich in meinem naiven Glauben eine brauchbare Taschenlampe zu besitzen diverse Nachtdosen mit roten Reflektoren mit meiner rustikalen 2C-Halogen-Maglite nicht gefunden habe…

    chrysophylax.

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