Landing Operation „Seeking Trail“

Der Platoon Leader hebt seine Hand und spreizt Zeige- und Mittelfinger auseinander. Mit einem leichten Kopfnicken nach rechts bedeutet er uns die Richtung. Schließlich öffnen sich seine Lippen und aus dem mit Tarnschminke verdeckten Gesicht blitzen seine grellweißen Zähne, bevor sie uns ein lautloses „LOS“ zubrüllen.
Leise robben wir voran.
Die Intelligence hat zwar gute Vorarbeit geleistet, aber dennoch sind einige Informationen unvollständig.
Nachdem die Luftaufklärung erste Fotos geschossen hatte, wurden die Spezialagenten O1 und O2 in das Zielgebiet gebracht. Diese konnten zwar einige Nahaufnahmen von dem Gebiet machen, aber nicht weiter in das Gelände vordringen.
Daraufhin wurde unser Platoon letzte Nacht mit Fallschirmen nahe dem Zielort abgesetzt. Nun, im frühen Morgengrauen bereiten wir uns auf unseren Einsatz vor. Zunächst sollen wir  in die Anlage eindringen und dann nähere Informationen beschaffen.
In mehreren Trupps bewegen wir uns auf den bewachten Zaun zu, um die erste Barriere zu durchbrechen.
Da uns die Zeiten der patroullierenden Wachen bekannt sind, können wir das Untergraben des Zauns minutiös planen und erreichen ungehindert unser Einsatzgebiet.
Lautlos bewegen wir uns durch einen Wald, nur der Ruf der Uhus und das entfernte Klopfen eines Spechtes sind unsere Begleiter.
Wie aus dem Nichts taucht vor uns eine Lichtung auf, dichte Nebelschwaden wabern über sie hinweg und werden durch die noch frühe Morgensonne in ein gespenstisches Rot getaucht.
Jäh bricht auf der anderen Seite der Lichtung mit ohrenbetäubendem Lärm, der mich sofort an einen waidwunden Saurier denken lässt, ein Militärfahrzeug aus dem Wald.
Da wir uns ohnehin nur robbend bewegen, ist keine weitere Deckung nötig, so können wir uns jedes Detail des Fahrzeugs einprägen. Unsere geschulten Augen erkennen es sofort als Raketenträger russischer Bauart vom Typ Zil 135.
Das ist unser erster Vorgeschmack auf die weitere Mission.
Wir lassen den schweren LKW, der noch von einem Geländewagen Typ UAZ begleitet wird, passieren. Danach warten wir noch eine Weile, bis keine weiteren Aktivitäten auszumachen sind.
Schließlich setzen wir uns wieder in Bewegung. Als nächstes gilt es, einen Fluss zu überqueren. Staff Sergeant Shreddinger erhält Befehl, hier mit seinen Männern eine Seilbahn zu bauen, um das Überqueren für das gesamte Platoon und alle Ausrüstungsgegenstände zu beschleunigen. Innerhalb kürzester Zeit steht die Verbindung zum jenseitigen Ufer und die Mannschaft kann übersetzen.

Ein Spähtrupp kommt kurze Zeit später zu uns zurück und berichtet von einer kleinen Stellung mit 5 Mann. Die Männer dort bereiten, nach Auskunft der Späher, gerade ihr Frühstück zu und sind somit momentan beschäftigt.
Wir passieren die Stellung in gebührendem Abstand und sehen die Männer in einer größeren Bodensenke. Über einem Dreibein hängt ein Kessel, der über einem offenen Feuer steht – irgendetwas kocht dort in der trüben Brühe vor sich hin.
Machorka rauchend erzählen sich die Männer Geschichten und wirken relativ gelangweilt und unaufmerksam.
Vor uns liegt ein Hügel, den die Späher zunächst auskundschaften. Als sie zurückkommen, lautet ihre Meldung: „Große Militärfahrzeuge und jede Menge Mannschaften, außerdem mehrere Gebäude. Wir müssen um das Gebiet herum und uns von der Rückseite vorarbeiten“. Wir sind offensichtlich am Ziel, aber jetzt beginnt die „heiße Phase“.
Unser Platoon umkreist in einem weiten Bogen das  Zielobjekt und gelangt erst am frühen Abend an die Rückseite des Zielobjektes. Sofort wird der Fotograf Private Alex Martin ausgesandt, um Fotos in ausreichender Anzahl für das HQ zu schießen.
Nach einer Ruhepause und leichter Verpflegung nutzen wir nun die hereinbrechende Dunkelheit, um weiter vorzurücken. Bevor wir unsere Deckung endgültig verlassen, wird die komplette Ausrüstung noch einmal gecheckt: J-F Hellfire Taschenlampen, 42er Mini Revolver und nicht zuletzt die neuartigen, extra für diesen Zweck angefertigten, Erkennungsmarken Typ SB.
Musik weht mit dem Wind aus Richtung der großen Halle zu uns herüber. Es scheint, als würden moderne, russische Lieder vorgetragen – die Soldaten jedenfalls singen begeistert mit. Als wir endlich durch die Fenster in das Innere sehen können, machen wir eine Kapelle, bestehend aus 4 Mann, aus. Irgendetwas an ihnen erinnert mich an den Chor der Schwarzmeerflotte. Dann jedoch ist unverkennbar deutscher Text zu hören. Wir lauschen und versuchen möglichst viel verwertbares Material zu bekommen. „Tage mit Irina am Sonnenstrand“, „Wenn ich reich bin, kauf ich mir nen Kabeljau“ und schließlich wohl der Höhepunkt des Abends, die Soldaten springen auf und singen lauthals mit: „Wir nennen es Soljanka kochen“. Mit frenetischem Applaus werden die Sänger aufgefordert noch eine Zugabe zu geben: „DFDA – Danke für den Abend, DFDF – Danke für die Folksarmee*“. Schließlich gehen die Musiker von der Bühne.

„HALT! – STEHENBLEIBEN! – HÄNDE HOCH!“ – wir sind entdeckt. „ALARM!“ Sekunden später bricht Sirenengeheul los, ich suche nach einer Fluchtmöglichkeit, aber uns stehen wie aus dem Nichts tausende Gegner gegenüber und strahlen uns mit grellen Taschenlampen in die Augen. Auf meiner Netzhaut tanzen Punkte, so als würde Lucifer persönlich von innen meinem Augapfel manipulieren.
Das Sirenengeheul schwillt weiter an, ich halte mir die Ohren zu, dann greife ich plötzlich, einem Reflex folgend, um mich. Meine Hände ertasten einen kühlen Gegenstand, schnell packe ich mit der Linken zu und reiße ihn an mich. Wie automatisiert wischt mein rechter Zeigefinger über das iPhone und stellt somit das nervtötende Geheul der Erinnerungsfunktion ab.
Langsam werde ich wach, ein Blick aufs Display verrät mir: Nicht mehr lange, dann sind wir „Lost in MV“…

* = Entschuldigung…;-)

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4 Responses to Landing Operation „Seeking Trail“

  1. elli1503 says:

    Oh WOW ! Klasse geschrieben !
    Ein Platoon aus dem Süden kommt zur Unterstützung 😉

  2. Denis says:

    Mahlzeit! Wo ist denn der Facebook Like Button? 🙂

  3. aba says:

    grosses kino! danke fuer die sonntagabendlektuere, die mich tatsaechlich gerade sehr gefesselt hat.

    viele gruesse!
    aba

  4. Pingback: Das war Lost in MV | Lost in MV

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