Leidfäden

Das Summen der Neonröhren überlagert die gedämpfte Gesprächsatmosphäre in dem großen Saal. Die Weisen sitzen an einem langen Tisch, manch ein Bart ist so lang, dass er die kunststoffkaschierte Holzoberfläche des Möbels berührt. An der Stirnseite ist ein kostbar verzierter Thron aufgestellt. Auf ihm sitzt ein nicht gerade groß gewachsener Mann, in der rechten Hand ein Zepter, links einen Reichsapfel. Die Szenerie erinnert an die Erzählungen von alten Adelsgeschlechtern.
Mit einer dünnen, aber sehr breiten Stimme eröffnet er seinen Untergebenen:

„Wir sollten Geocaches im Weltraum, auf anderen Planeten oder in Raumschiffen zulassen!“

Es folgt ein eisiges Schweigen, dass jedoch schnell von leisem Gemurmel abgelöst wird, bevor es sich in emsig-geschäftiger Unterhaltung verliert.
Nach einer langen Diskussion erhebt sich ein anderer und fragt: „Gibt es hierfür einen besonderen Grund?“.

Der Herrscher antwortet fröhlich erläuternd: „Selbstverständlich! Wir sind gefragt worden ob wir auf der Irrational Saloppen Sternenstation einen Geocache genehmigen würden“.

Erstaunte Gesichter.
Erneut erhebt der zweite seine Stimme: „Nun, meiner Meinung nach sollte dem nichts im Wege stehen, solange alle gemeingültigen Regeln eingehalten werden, einzig die Frage des Kommerzes könnten hier im Wege stehen“.

Der Souverän erhebt sich. Eine leuchtende Aura umgibt ihn und seine Füße schweben etwa 10 Zentimeter über dem Boden. Alle blicken zu ihm auf und sein gegenüber sinkt in sich zusammen, wie ein Ballon, aus dem die Luft entweicht. Hastig schlägt der Zeromonienmeister seinen Stab dreimal auf den Boden und allen Anwesenden senken ihre Blicke.
Mit einem leichten Grollen in der Stimme beginnt der Herrscher seine Rede:

„Ihr ungläubigen, nichtsnutzigen Gemüter solltet eure Worte künftig besser wählen! Dieser Geocache wird in die Geschichtsbücher eingehen und ihr wollt euch mit solch unsinnigen Kleinigkeiten wie Regeln abgeben?“. Das Licht im Saal flackert, eisige Nebel steigen vom Boden auf, die Temperatur sinkt.

„Es ist nicht an euch, darüber zu befinden, welchen Regularien ich einen bestimmten Geocache unterwerfe!“, die Stimme hat an Fülle gewonnen und erzeugt grauenvolle Resonanzen – Putz bröckelt von den mit Malereien reich verzierten Wänden und Decken.

Inzwischen ist die elektrische Deckenbeleuchtung endgültig erloschen. Eilig angezündete Kerzen spenden ein gespenstisches Licht. Die durch das Dochtfeuer rötlich schimmernden Anwesenden werfen aufgrund des hastigen Spiels der Flammen, irrsinnig tanzende Schatten an die Wand.

Mit einem süffisant provozierendem „Nun“ setzt sich der Herrscher wieder auf seinen Thron. Jäh tauchen die Neonleuchten den Raum wieder in gelbliches Licht und die Kerzen sind wie von Geisterhand gelöscht. „DU“, auf seinen Widersacher zeigend fährt er seine Rede fort: „wirst sehr viel Gelegenheit haben, über deine subversiven Gedanken nachzudenken“.

Urplötzlich öffnet sich der Boden unter dem Angesprochenen und er verschwindet mit einem kurzen Schrei im Nirgendwo. Langsam schliesst sich das Loch und die verbliebenen starren den Herrscher verschreckt an.

Mit einer leisen, süßlich sarkastischen Stimme sagt der Herrscher: „Eines würde ich noch gerne mit euch besprechen: Ich plane künftig außerdem, gesponsorte Caches zuzulassen, dazu würde ich sogar ein eigenes Attribut einführen. Ich weiß, dass sich dieses Ansinnen möglicherweise ebenfalls von den geltenden Regeln und dem Ursprungsgedanken des Geocaching entfernt“. Prüfend blickt er in die Runde und bohrt seinen Blick nacheinander in jedes der ihm gegenüber sitzenden Augenpaare, dann lässt er eine kurze Pause entstehen, bevor er ganz leise mit fast kindlicher Stimme fragt: „Erhebt jemand Einspruch?“
Dann bricht er in ein infernalisch-diabolisches Gelächter aus…

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4 Responses to Leidfäden

  1. JR849 says:

    Herrlich!! 😆

  2. heckabronzr says:

    ..sehr cool!

  3. meinschatz71 says:

    Toll geschrieben … mehr davon!
    LG 😉

  4. Alexander says:

    Hat bestens in meine Mittagspause gepasst!

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