Tefünf

Keuchen, hecheln, ein leiser Fluch, dann wieder das monotone Scheppern und Klirren der Ausrüstungsgegenstände. Ein Klingeln, wie hunderte in einen Sack geworfene und durchgeschüttelte Triangeln. Untermalt wird die Kulisse vom ewigen Knirschen der vierzehn grobprofiligen Gummisohlen auf dem feuchten Boden.
Jäh beginnt der Führende der Gruppe laut im Stile amerikanischer Soldaten zu singen: „Wir holen u-huns nur Tefünf“, die folgenden wiederholen: „Wir holen u-huns nur Tefünf“, wieder der führende: „Stei-heigeisen sind uns’re Strümpf“ und der Chor: „Stei-heigeisen sind uns’re Strümpf“. Es entspinnt sich ein Wechselgesang:

„Hoch hinaus ist unser Ziel“ – „Hoch hinaus ist unser Ziel“
„90 Grad sind nicht zu viel“ –  „90 Grad sind nicht zu viel“

„Dynamikseil ist unser Freund“ – „Dynamikseil ist unser Freund“
„Macht uns high auch ohne Joint“ – „Macht uns high auch ohne Joint“

„Der Achter ist mein Frau-nersatz“ – „Der Achter ist mein Frau-nersatz“
„Grigri jedoch mein größter Schatz“ – „Grigri jedoch mein größter Schatz“

„Eins-einser ist doch Mädchenkram“ – „Eins-einser ist doch Mädchenkram“
„Turnt höchstens Männer in Leggings an“ – „Turnt höchstens Männer in Leggings an“

„Grüne Hölle Goldfischglas“ – „Grüne Hölle Goldfischglas“
„Da machen sich nur Mädchen naß“ – „Da machen sich nur Mädchen naß“

„Naß“ echot es gequält-zäh durch die neblig-wabernde Luft von der Felswand zurück. So als würde es unter Wasser durch ein, mit einer Mischung aus Watte und Moosgummi gedämpften, Megaphon gesprochen. Die Gruppe kommt zum Stillstand.
„Na, zu viel versprochen?“ fragt der Vorsänger und zeigt auf die massive Felsformation. „Achtzehn Meter“ setzt er nach „und oben liegt eine verdammt coole Filmdose!“.
Ein Murmeln setzt ein, alle schauen gebannt nach oben. Das anfängliche Raunen wird lauter und steigert sich zu einem Stakkato aus aufgeregt formulierten Attributen für das gemeinsame Vorhaben: „Großartig“, „fett“, „geil“, „Hamma“, „Burner“ tönt es laut vernehmlich aus der Gruppe.
„Lasst uns erst mal das Material ablegen“ schlägt der Wortführer vor. Zwei Leute breiten eine 5 mal 5 Meter große Industrieplane auf dem feuchten Boden aus. Umgehend legen alle 7 Gruppenmitglieder ihre Rucksäcke, Seile, Karabiner, Helme, sowie diverse Sekundäruntensilien wie: Verpflegung, Getränke, Taschenlampen, Kameras und GPS Geräte ab, nur das 7 kVA Stromaggregat und die schwere Werkzeugkiste werden neben der Plane platziert.
„Gehen wir nach dem Standardverfahren vor, oder hat jemand eine Alternative parat?“ fragt der Wortführer in die Runde? Es setzt ein erneutes Gemurmel ein, Arme recken sich gegen die Felswand, Finger zeigen auf imaginäre Fixpunkte, mögliche Griffsequenzen werden in der Luft vollzogen.
Dann sagt einer der Teilnehmer: „Wie wäre es, wenn wir die ersten 7 Meter 38er Bohrhaken setzen und mit 2 Komponenten-Mineral-Reaktivkleber im Fels fixieren. Danach in der Verschneidung die nächsten 3 Meter mit Hohlspreiznocken in Kombination mit Teleskopwirbelankerösen überbrücken. Dann könnte man locker in Duplex-Sicherung mit 3 fach Verbund im Vorstieg einen Standplatz errichten und das Material und die Seilschaft auf das Zwischenplateau schaffen“. Eine andere Stimme wirft ein: „Gute Idee, allerdings würde es mir besser gefallen, wenn wir nur eine Simplex Sicherung machen, dafür aber im Doppelverbund mit eingeschlagener Überwurfleine hochgehen, dass geht schneller und schont die Kräfte“. Erneut setzt ein kurzes Gemurmel ein, dass jedoch schnell allgemeiner Zustimmung weicht. Schließlich sagt einer: „Das ist doch ein perfekter Plan, worauf warten wir noch?“.
Das Aggregat wird vor die Wand gestellt, eine große Bohrmaschine wird mit einem monströsen Bohrer ausgestattet. Der Viertakter des Stromerzeuger reisst ein Loch in die neblige Stille des frühen Morgens.
Schließlich stattet sich einer der Kletterer mit Helm, Brille, Handschuhen und Gehörschutz aus und beginnt mit dem Bohren des ersten 38 Millimeter messenden Lochs. Nachdem der drehende Stahl den Fels in kreisrunder Form zu feinsten Staub zermahlen hat, zieht ihn der Maschinist aus dem Gestein. Ein anderer holt einen Kompressor aus der Werkzeugkiste, mit dem zunächst das Bohrmehl aus dem Loch geblasen wird, bevor eine pneumatische Mischpistole zur Einbringung des Reaktivklebers an der Schlauchkupplung befestigt wird. Der Kleber wird in das Loch gespritzt und umgehend setzt ein anderer Mitstreiter den Haken ein. Schließlich kommt der nächste mit einem Keramik-Katalytbrenner um den Kleber zu erwärmen, was eine umgehende Aushärtung und 100 prozentige Belastbarkeit des Hakens mit sich bringt. Das Team arbeitet konzentriert und die Hangriffe der Männer sind inzwischen eingespielt. Das unnötige hin-und hergelaufe wird durch knappe Zurufe, die einem militärischen Befehlston nicht ganz unähnlich sind, ersetzt. Bald hört man nur noch die präzise hingeworfenen Wörter und Phrasen der Spezialisten: „Bandschlinge“, „Karabiner“, „Achter und Seil“, „12er Druckverdeckelung mit Überwurf, sonst rutscht der Präzisionsverspanner vom Abspannbock“.
Meter um Meter frisst sich die Mannschaft nach oben. Bereits nach 11 Stunden ist das Plateau in 10 Metern Höhe erreicht. Der letzte Ausrüstungsgegenstand wird hochgezogen und jemand ruft: „Pause!“
Nach einer kurzen Stärkung ergreift der Anführer wieder das Wort: „Okay, bis hier war es ein Kinderspiel, jetzt wird es hart“. eröffnet er der Gruppe. „Es gibt jetzt 2 Möglichkeiten: Entweder statten wir uns jetzt alle mit Kopflampen aus, die Träger von Bi-Xenonlampen mit neuronal verknüpften Quecksilberverdampfern klettern vorne und leuchten den Weg aus, oder wir schlagen hier auf der Plattform unsere Zelte auf.“. Einer der Männer antwortet sofort: „Zelte aufstellen“ und alle anderen stimmen zu. „Okay, dann ab in die Schlafsäcke und morgen früh, entspannt und ausgeruht weiter“. Innerhalb kürzester Zeit verwandelt sich das Hochplateau in einen alpin anmutenden Campingplatz und bereits nach kurzer Zeit ist das typische Ratschen der Reißverschlüsse zu hören. Wenig später verwandeln sich die Zelte, durch die im Inneren brennenden Lampen, in große Lampions. Als kurz darauf die Lichter erlöschen, verändert sich die Szenerie in eine gespenstig anmutende Ansammlung dunkler käferartige Gebilde auf der Felsplattform.

Der Morgen begrüßt die Kletterer mit strahlendem Sonnenschein und die Seilschaft macht ein kurzes, gemeinsames Frühstück. Jeder Teilnehmer stärkt sich mit Trockennahrung und Fertigkaffee, die die Bewohner der ISS vor Neid erblassen lassen würde.

„Ich würde gerne die letzten 7 Meter als Semi-Vorstieg mit eingestecktem Durchgangsseil zur variablen Aushängung des Nachstiegs gestalten. Auf diese Art sollten wir die Dose schnell erreichen“ schlägt der Wortführer vor – es gibt keine Einwände.

Diese Passage dauert nur 8 Stunden. Die Kletterer sind überglücklich als sie kurz vor der oberen Kante der Felswand ihren Standplatz einrichten. „So, jetzt müssen wir nur noch die Dose finden, die müsste sich direkt vor uns befinden“ hört man den Anführer sagen. Die Männer lassen ihre Augen angestrengt an dem grauen Stein entlang wandern. Einem Betrachter von unten böte sich das Bild, eines menschliches Mobiles – sieben Menschen hängen in präziser Anordnung an Seilen von oben herab.
Plötzlich ruft einer „DA!“. Er schiebt seine Hand langsam in Richtung der Dose und öffnet die talkum bepuderten Finger. Ein Sonnenstrahl bricht sich in dem goldenen Ring an seiner rechten Hand und erzeugt eine Kaskade wundervollen rötlichen Lichts, die schließlich exakt auf das kleine schwarze Behältnis mit dem grauen Deckel fällt. Gerade wollen die Finger die Dose umschliessen, als von oben fünf feingliedrige Kinderfinger in absoluter Leichtigkeit und Präzision den Behälter schnappen und nach oben ziehen „PAPA – ich hab den Cache gefunden!“ ruft eine aufgeregte Kinderstimme.
„Prima“ antwortet eine Männerstimme, dann sollten wir uns jetzt schnell in das Logbuch eintragen und die Dose zurücklegen. Wir können dann mit der nächsten Seilbahn wieder nach unten fahren“.

Die Männer hängen mit offenen Mündern in den Seilen und können nicht fassen, was sie soeben gesehen haben. Schließlich kehrt nach kurzer Zeit die kleine Menschenhand zurück und platziert die Dose wieder am Fels. Nachdem die kindliche Hand wieder nach oben gezogen wurde, hören die Männer noch, wie der Vater mit seinem Nachwuchs einen Triumphgesang zu Ehren des gefundenen Caches singt:

„Telefonjoker, ich ruf dich an“ – „Telefonjoker, ich ruf dich an“
„Auf das ich bequem zur Dose kann“ – „Auf das ich bequem zur Dose kann“

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22 Responses to Tefünf

  1. mo-cacher says:

    Sehr schön 😉

  2. quirinh says:

    Spitzenklasse!
    Danke!

  3. Randriedi says:

    Jaja, so isse die Szene 😉
    Sehr anschaulich beschrieben.

  4. treemaster says:

    jajaja.so sind se, die Kletterer. Und dafür muß noch nicht mal ein schwarz-grauer Mikro obenauf liegen 😉

  5. Lady Allista says:

    Top! *Daumen hoch*

    Ganz großes Kino – vielen Dank für den Lachflash!!

  6. Dankeschön für die tolle Geschichte! Habe herzlich gelacht! 😀

  7. Mezgrman says:

    Super Story!
    Macht echt Spaß hier zu lesen! 🙂

  8. helixrider says:

    Sehr schöne Story 😉
    …und dazu gibt es noch Anregungen zur weiteren Materialaufrüstung… ;-)))

    Danke!

  9. Emanuel says:

    Nette Seite, mundet mir.

  10. Zwischenmahlzeit says:

    Eine wirklich klasse Geschichte – und mitunter gar nicht mal so weit von der Wahrheit entfernt 🙂 Vielen Dank dafür.

  11. merdian says:

    Super!

  12. stimpy says:

    HAAAHAAA! 😀

  13. Olli says:

    sehr geil… :o)
    Vielen Dank dafür…

  14. Spike05de says:

    Eine wirklich tolle Geschichte. Da bin ich doch gespannt auf die Fortsetzungen 🙂

  15. Frank_Z says:

    Nett. 🙂

    Gar nicht so realitätsfern. Wie war das noch, Samstag im FORT Bohrhaken setzen? Ich glaube da brauchen wir noch etwas Ausrüstung. 😛

  16. Pingback: Dosenfischen – der Podcast 145 | Geocaching Podcast DOSENFISCHER

  17. S. Thome says:

    … soll warscheinlich lustig sein aber mich erreicht diese Art von mit leichtem Sexismus durchmengtem Humor irgendwie nicht.
    Da habe ich mir das Weiterlesen glatt gespart.
    Ich als Mädchen begreife einfach nicht so wirklich worum´s geht…in dieser Welt voll von Großvätern und Enkeln, von Vätern, Söhnen und Anführern …
    Gruß

    • De Dithmarscher says:

      Ich hoffe inständig, dass du nicht exemplarsich für alle „Mädchen“ bist, ansonsten würde ich mir ernsthaft Gedanken machen.
      Den Sexismus mag ich in meinen Geschichten (bislang) nicht erkennen – aber du bringst mich auf eine Idee…

      Und selbstverständlich dürfen hier auch Sockenpuppen kommentieren.

  18. Supersabs says:

    Ich bin zwar auch ein „Mädchen“, aber ich finde den Beitrag einfach geil!

  19. moony42 says:

    Was hab ich Mädchen gerade gelacht! So isset!

    Jutta

  20. Dickkopf says:

    Ich schmeiss mich weg! Sehr geil! [:D]
    Gruss,
    Dickkopf

  21. Mark says:

    Lol. Ich erkenne keinen sexismus. Aber heutzutage ist wohl alles politisch nicht 100%ige sexisitisch 🙂
    Danke für den täglich benötigten Lacher.

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